Illychivets Mariupol - Austria Wien 0:0

10-14.08.2004 (Ukraine II.)

Als wir am 30. Juli 2004 im UEFA-Cup Illychivets Mariupol zugelost bekamen, läutete mein Handy pausenlos. Wie immer wollten sich an die 20 Leute die Plätze im BULLDOGS-Bus sichern. Da dass Match bereits eineinhalb Wochen später stattfand, holten wir uns natürlich schon montags die Visaanträge von der ukrainischen Botschaft. Zum Arbeiten bin ich diesen Nachmittag vor lauter Telefonieren fast nicht mehr gekommen. Einige mussten aus beruflichen Gründen (kein kurzfristiger Urlaub) andere aus familiären (unserem Präsidenten nachträglichen Glückwunsch zur Geburt seiner Tochter Emy-Chiara) andere wieder aus unerklärlichen, teilweise auch ängstlichen Bedenken absagen.

So reichte unser Karl (BULLDOGS-Opa) am Dienstag unsere Visaanträge ein. Auch Wudle mit seinen Atzgersdorfern hatte ähnliche Probleme und so blieben sieben Atzgersdorfer und vier Bulldogs, die sich dem Abenteuer Ukraine II stellten. Ukraine II deshalb, weil wir bereits vor zwei Jahren gegen Schachtor Donezk spielten. Da wir vor zwei Jahren schon über 4000 Kilometer nach Donezk und retour unterwegs waren (Austria siegte zu Hause 5:1, auswärts setzte es eine 0:1 Niederlage), konnten wir uns schon recht gut auf diese “Mördertour” vorbereiten. Aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse in der Ukraine packten wir gleich zwei Reserveräder und dazugehöriges Werkzeug ein.

Als wir Dienstag nachmittags 16.00 Uhr unsere Tour starteten, waren die Atzgersdorfer schon knappe 2 Tage unterwegs, und mitten in der Ukraine. Wudle erzählte uns von einem vierstündigen Aufenthalt an der ungarisch-ukrainischen Grenze. Wir konnten uns also auf eine lange Nacht an der neuen EU-Außengrenze einstellen. Gegen 21.00 Uhr deckten wir uns im Tesco-Supermarkt in Nyiregyhaza, der letzten großen Stadt in Ungarn mit billigen Getränken und Lebensmitteln ein, da wir in der Ukraine bei unserer letzten Fahrt keinen einzigen Supermarkt gesehen haben.

Die ungarische Seite passierten wir nach 45 Minuten ohne Probleme. Auf der Grenzbrücke, wo wir vor zwei Jahren vier Stunden im Stau standen, sprach uns ein ungarischer Uniformierter an. Aufgrund des österreichischen Kennzeichens und des Bulldogs-Schriftzuges am Auto hatte er uns wiedererkannt. Nach kurzem Gespräch stellte sich heraus, dass er jener Ujpest-Fan war, den wir vor zwei Jahren bei der Suche nach Schmuggelware der ungarischen Zöllner bei unserer Heimfahrt aus Donezk kennen  gelernt hatten, und ihm damals einen Bulldogs-Schal geschenkt hatten. Nach einem Smalltalk über die österreichische und ungarische Fußballszene ging es über den Grenzfluss Theiss zu den ukrainischen Behörden. Zu unserer Überraschung ging es recht flott weiter, und nach einigen Formalitäten hatten wir gegen Mitternacht den ukrainischen Grenzbalken passiert.

Von jetzt an hieß es für die nächsten 1.700 Kilometer bis Mariupol die Geschwindigkeit den Straßenverhältnissen anzupassen. Was passiert, wenn man übertreibt, haben wir teilweise am eigenen Leib zu spüren bekommen. Für Österreicher nicht mehr vorstellbar, aber in der Ukraine gang und gebe, Polizeisperren durch schwerbewaffnete Uniformierte. Aber auch mit modernerer Technik, den Radarpistolen, ist die ukrainische Polizei bestens vertraut und sie erleichterten uns um einige US-Dollar, natürlich ohne Beleg. Der schlechte Straßenzustand (wellig, rippig, 20 cm tiefe Schlaglöcher auf Europastraßen, keine Bodenmarkierungen und keine Leitpflöcke) forderte zahlreiche Opfer. Verunfallte und defekte LKW´s und Autos, die noch an Ort und Stelle repariert werden gehören zum Alltag. Die Unfallstelle oder die defekten Fahrzeuge werden nicht mit Pannendreieck sondern mit Ästen und Zweigen abgesichert. Die Orientierung in der Ukraine erschwerte sich durch mangelhafte Beschilderung und durch die cyrilische  Schrift. Nachdem wir auch die Millionenstadt Dnjeprpetrovsk ohne größere Probleme passiert hatten, waren es nur mehr 450 Kilometer bis Mariupol.

Nach 32-stündiger Anreisezeit in der wir nur Tankpausen einlegten, erreichten wir um Mitternacht Mariupol. Da wir zu müde waren, und in der stockfinsteren Stadt keine Orientierung möglich war, zogen wir es vor in unserem Einstern Hotel “Chrysler” zu übernachten.

Am Morgen war unsere Schlafstätte bereits von mehreren Jugendlichen, die uns für Fußballstars hielten, belagert. Statt Autogramme und Showtraining bevorzugten wir den Strandbesuch am Asovschen Meer. Auf der Weiterfahrt ins Zentrum sahen wir bereits von weitem die Austriaspieler beim Morgentraining - herumlungern am Straßenrand. Wir erschreckten sie durch lautes Hupen aus ihrer Trance auf. Nach dem Mittagessen in einer heimischen Kneipe am Marktplatz trafen wir uns mit den Atzgersdorfern in ihrem Luxushotel. Die bekannten Sparmeister der Atzgersdorfer übertrumpften diesmal mit ihrem Fünfstern Hotel am Meer das baufällige Standardhotel mitten in der tristen City der Austria Delegation bei Weitem.

Gemeinsam ging es zum Stadion, wo wir von Dutzenden Polizisten und zu unserer Überraschung von jungen, äußerst attraktiven Deutschstudentinnen, die als Dolmetscher fungierten, empfangen wurden. Nach dem Anbringen unserer Transparente am Zaun durften wir unseren Sektor nur noch mit Polizei und Damenbegleitung verlassen. Selbst zum Herren-WC wurden wir von den Uniformierten und den weniger bekleideten Damen begleitet. Trotz der super Stimmung in unserem Fansektor, in dem wir elf Autofahrer auch von zwei Bastards und einem Scorpion unterstützt wurden, endete das Match torlos. Nach dem Spiel traten die drei Luxustouristen, denen dieser Trip 945,-- Euro pro Mann wert war, die Heimreise mit der Mannschaft wieder an. Wir fuhren ebenfalls sofort nach dem Spiel Richtung Donezk.

Nach zweistündiger Fahrt ließen wir die angefangene Nacht in einer Motelbar bei einem überforderten Barkeeper ausklingen. Für manche wurde es eine sehr kurze Nacht, da wir schon um fünf Uhr morgens die Heimreise fortsetzten. Den ganzen Tag ging es mit den Atzgersdorfer im Rückspiegel recht flott durch die Ukraine und nach 1.200 Tageskilometern begaben wir uns nach Einbruch der Dunkelheit auf die Suche nach einer Schlafmöglichkeit. Dieses Unterfangen gestaltete sich jedoch viel schwieriger als angenommen. Das erste Motel lehnten wir noch ab, weil es uns zu teuer schien, doch was wir danach erlebten wird uns ewig in Erinnerung bleiben. Im zweiten Motel waren nur noch drei günstige Zimmer frei, und wir beschlossen, diese zu nehmen und der Rest sollte am Fußboden oder im Auto übernachten. Aber nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass wir auf jedem Fall noch einige Kilometer weiter fahren werden. Viele von uns sind schon jahrelang im Osten unterwegs, aber so viele Kakerlaken auf einem Fleck wie in diesem Motelzimmer hatte keiner noch gesehen. Auch in den nächsten Unterkünften war es kaum besser. Als wir dann schon hundemüde gegen Mitternacht das sechste Motel dieses Abends erreichten, war uns dessen Zustand eigentlich fast egal, aber zu unserem Pech hatte dieses geschlossen, und so übernachteten wir wieder im Einstern Hotel “Voyager”. Aber im Vergleich zu den Atzgersdorfern, die mit sieben Leuten im VW-Bus übernachten mussten, hatten wir es noch recht komfortabel. Nach kurzem und schlechten Schlaf (die Ukrainischen Straßenköter heulten die ganze Nacht) ging es ab fünf Uhr früh die letzen 300 Kilometer Richtung ungarische Grenze.

Knapp vor der ungarischen Grenze wurden auf einer Tankstelle die letzten Hrivnak (ukrainische Währung) in äußerst billige Zigaretten    (1 Stange ab 2,50 Euro) und in russischen Vodka eingetauscht. Als an der Grenze uns ein Ungar mit seinem Auto beim Versuch sich vorzudrängeln seitlich in den Kotflügel fuhr, drohte die Situation zu eskalieren. Sofort sprangen unsere Leute aus den Autos und umzingelten sein Fahrzeug. Einige ukrainische Grenzbeamte schritten sofort ein und da unser Auto keinen sichtbaren Schaden erlitten hatte, konnten sie die Lage rasch beruhigen.

Nachdem wir die Atzgersdorfer nun durch die ganze Ukraine begleitet hatten, trennten sich an der Grenze unsere Wege, da wir auf den gut ausgebauten ungarischen Straßen mit unserem Voyager ein schnelleres Tempo fahren konnten. Zu deren Glück wollte “Virus” in Nyiregyhaza unbedingt zum McDonalds und so waren wir recht erstaunt als wir 140 Kilometer vor Budapest den Atzgersdorfer-Bus am Straßenrand stehend vorfanden - Verdacht auf Motorschaden. Mit den Atzgersdorfern am Abschleppseil ging es zur nächsten Tankstelle, wo wir auf einen Mechaniker warteten. Zwei Atzgersdorfer stiegen zu uns um und als wir bereits auf Höhe Györ waren, kam von Wudle der erlösende Anruf dass sein Bus wieder fahrbereit ist und es sich vermutlich “nur” um einen Schaden an der Ölpumpe handelt und er ebenfalls noch heute seine Fahrt fortsetzen kann.

Nach einer knappen Woche und über 4.500 Kilometer erreichten wir Samstag abends um 21.00 Uhr Wien und hoffen nun auf eine stärkere Leistung unserer Austria im Rückspiel gegen Mariupol, um uns den Aufstieg in die erste Hauptrunde im UEFA-Cup zu ermöglichen.

Zum Schluss besondere Grüße an alle Austrianer, die sich dem Abenteuer Ukraine stellten, aber auch an jene, die wieder einmal nicht dabei waren.  

Martin/B.D. 92

BULLDOGS ON EUROPEAN TOUR 2004

Weitere Fotos aus Mariupol findet ihr im Fotoarchiv!

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