Dnjepr Dnjepropetrovsk - Austria Wien 1:0
23-27.11.2004 (Ukraine III.)
Nachdem wir Legia Warschau mit großer Mühe
aus dem Europacup geworfen hatten, wartete der gesamte Austria-Anhang gespannt
auf die Auslosung für die Gruppenphase.
Nachdem wir in den letzten beiden Jahren
bereits zwei mal durch die Ukraine bis nach Donezk und Mariupol fuhren und zum
Spaß sagten, so eine erschwerliche und abenteuerliche Fahrt durch den tiefen
Osten gehört eigentlich ins Fernsehen, telefonierten wir kurzerhand mit der „Schauplatz“-Redaktion
des ORF, und diese waren sofort bereit, uns mit einem Kamerateam zu begleiten.
Hätten wir nicht zwischen Budapest und
Miskolc eine „Autostopperin“, die (der) sich dann beim Aussteigen im starken
Kameralicht eindeutig als „Geschminkter“ herausstellte, mitgenommen, wäre
die Fahrt durch Ungarn wohl ziemlich fad ausgefallen. So hatten wir unseren
Spaß mit Virus, der unter bereits schwerem Alkohol-Einfluss tatsächlich bis
zum Schluss der Meinung war, der Autostopper wäre eine junge, feurige
Pusta-Braut.
Um Mitternacht erreichten wir bei starkem
Schneefall die Ukraine. Nach einem Gespräch mit einem österreichischen
Lastwagenfahrer an der Grenze wurde uns klar, was uns auf den tief winterlichen
Straßen erwarten wird. Schneepflüge oder Fahrzeuge der Straßenmeisterei gibt
es dort so gut wie gar nicht und wir überlegten uns gleich an der Grenze unsere
Schneeketten zu montieren. Nur langsam ging es auf der ungeräumte Straße
Richtung Muchachevo voran. Mehr als 30 bis 40 km in der Stunde waren beim besten
Willen nicht zu schaffen. Durch den Frost und den Schnee hatten wir gegen 3 Uhr
früh mitten in den Karpaten das erste große Problem, das Gasseil war bei
Vollgas eingefroren. Die ersten Reparaturversuche blieben erfolglos und so
drifteten
wir mit Vollgas und viel Kupplungsschleifen durch die tief verschneite Nacht.
Plötzlich ein lauter Krach
vom Getriebe und der alte Bus lässt sich nicht mehr
schalten. Verzweiflung beim ORF-Team, aber unsere Ostblock erprobte Truppe ist
selbst durch solche Probleme nicht zu stoppen. Mit vereinten Kräften gelingt es
uns wieder, unseren Bus halbwegs fahrtauglich zu machen und wir schafften es zum
Bahnhof in die nächst größere Stadt nach Lwov. (Unter den Namen Lemberg war
diese Stadt eine der größten Städte im damaligen K+K Reich
Österreich-Ungarn). An ein Weiterfahren mit unserem desolaten Bus bei diesen
Witterungsbedingungen ergab keinen Sinn, wenn man bedenkt dass wir noch ca. 1000
km bis Dnjepropetrovsk zu fahren hatten, und wir für die ersten 250 km in der
Ukraine an die 8 Stunden gebraucht hatten.
Die Zugfahrt von Lemberg nach Dnjepropetrovsk
erwies sich als äußerst günstig. Mit nicht einmal 8 €/Person ging es mit
der Bahn 1.
Klasse recht flott durch unsere 2. ukrainische Nacht. Einige von uns
bekommen vermutlich noch heute
Kopfweh wenn sie an das Wodka-Gelage mit den
ukrainischen Polizisten, Schaffnern und Zugbegleiterinnen zurückdenken. Nachdem wir am Matchtag gegen Mittag nach
knapp 20-stündiger Zugfahrt die Stahlmetropole Dnjepropetrovsk erreichten,
versuchten wir am Bahnhof sofort die Rückfahrt zu organisieren. Trotz 18
geöffneten Schaltern konnten wir keinen einzigen Beamten mit Deutsch- oder
Englischkenntnissen auftreiben. Da unsere Russisch- und Ukrainischkenntnisse
auch nur zum Wodka bestellen reichten, wurde es äußerst schwer, mit den
durchaus hilfreichen Beamten ins Gespräch zu kommen. Endlich hatten wir den
richtigen Zug, aber es gab dabei zwei große Probleme. Erstens gab es nicht so
wie bei der Hinfahrt eine Direktverbindung und zweitens fuhr der Zug bereits
genau eine Stunde nach Matchende ab.
Aber noch war es nicht so weit, und so ging
es mit dem Taxi um 2 USD in die Innenstadt zum Spielerhotel. Nachdem einer von
uns (aus Datenschutzgründen wir kein Name
genannt) genau vor der Rezeption des
Spielerhotels seine Notdurft verrichten musste, marschierten innerhalb kürzester
Zeit einige aufgeblasene Security-Leute auf und wir mussten das geplante Bier in
der Hotelbar kurzfristig absagen. Darauf ging es zu Fuß durch die von
politischen Demonstranten gefüllte City, wo wir an einer
Oppositionsveranstaltung vorbeikamen. Wir schlenderten recht uninteressiert an
der Demo vorbei und setzten uns in eine nahe gelegene Pizzeria. Nach kurzer Zeit
bemerkten wir, dass Virus fehlt. Als nach ein paar Minuten das ORF-Team zu uns
in die Pizzeria kam, meinten sie, dass wir den Höhepunkt der Fahrt bereits versäumt
hätten, da Virus soeben vor laufenden Kameras eine legendäre Rede an die
ukrainische Nation hielt. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll der jetzige
ukrainische Ministerpräsident Juschtschenko unseren Virus bereits den Posten
als Propagandaminister angeboten haben.
Nachdem wir uns etwa zwei Stunden lang in
der Pizzeria gestärkt hatten, begaben wir uns auf den Weg zurück auf die
Hauptstraße, auf der
wir plötzlich von 30 Hooligans ohne jegliche Vorwarnung brutal angriffen
wurden. Wir waren nur sechs Fans und der Kameramann, denn die zwei anderen
ORF-Leute waren gerade erst dabei das Lokal zu verlassen und hatten so großes
Glück, dass sie nicht ebenfalls angegriffen wurden. Der Angriff dauerte ca.
zwei Minuten und wir versuchten mit allen Mitteln unsere Rucksäcke und die
Transparente zu verteidigen. Aber bei dieser klaren Unterlegenheit hatten selbst
wir auf Dauer keine Chance. Nachdem der Mob das Transparent erkämpfte, liefen
sie sofort davon. Zu zweit machten wir uns auf die Verfolgung und holten auch
noch zwei Hooligans, die sich bereits in Sicherheit wiegten ein und boxten sie
sofort um. Jetzt stellte sich wieder eine kleine Gruppe von etwa sieben Hools.
Diese waren ziemlich überrascht dass wir sie verfolgten aber da keiner von
denen das Transparent hatte, ergab es keinen Sinn zu zweit anzugreifen und auf
meine Frage: “Why do you fight – we have nothing done“ bekamen wir nur die
Antwort: „Internet-Provokation!“
Das Ergebnis dieser recht unfairen Konfrontation: Eine schwer beschädigte Filmkamera (dadurch auch keine Filmaufnahmen von der Schlägerei), ein gestohlener Rucksack voll mit österr. Bier und ein gestohlenes Transparent. Das zweite Transparent und alle anderen Taschen und Rucksäcke konnten verteidigt werden.
Unter anderem erlitten wir bei diesem
Kampf diverse kleinere und größere Cuts, wie aufgeplatzte Lippen , eine
schwere
Jochbeinprellung sowie eine größere Rissquetschwunde, die aber kurz darauf im
Spielerhotel vom Austria-Masseur und vom Austria-Arzt
Dr. Kmen fachmännisch versorgt wurde. (Nochmals herzlichen Dank an das
medizinische Team der Austria für die Erstversorgung!)
Hätte ich jetzt fast vergessen, Fußball
wurde an diesem saukalten Abend bei minus 10 Grad auch noch gespielt. Die
Mannschaft aus Dnjepropetrovsk war an diesem Abend ziemlich schwach, zum
Entsetzen der mitgereisten Austria-Fans (wieder einmal nur Bulldogs,
Atzgersdorfer und ein paar vom Fanclub 80) war unsere lustlose Millionentruppe
noch um einiges schwächer und so verloren wir dieses Match nicht unverdient mit
1:0.
Nach dem Spiel erlebten wir aber die
größte Frechheit der ganzen Reise, denn kein einziger Austria-Spieler fand es
der Mühe wert zu unserem Sektor zu kommen oder auch uns nur eines Blickes zu
würdigen. Über 2000km nach Dnjepropetrovsk und wieder 2000km retour und das
war der Dank! (Die Atzgersdorfer waren alleine 6 Tage mit ihrem Bus durch den
ukrainischen Winter unterwegs, wir schafften es mit Hilfe der Eisenbahn in knapp
4 Tagen.)
Zum Abschluss noch einen guten Tipp an die
teilweise minder bemittelten Internet-Fans(Hools): Wenn ihr keine Ahnung vom
internationalen Fußballgeschäft habt, lasst die Finger davon und schaut´s
euch zur Befriedigung ein paar Porno-Seiten an!
WIR LASSEN UNS NICHT UNTERKRIEGEN!
Martin/B.D. 92
BULLDOGS ON EUROPEAN TOUR 2004
Weitere Fotos aus Dnjepropetrovsk findet ihr im Fotoarchiv!